Neurodiversität ist ein Begriff, der in den letzten Jahren immer präsenter geworden ist – befeuert durch verstärkte Aufmerksamkeit auf Social Media und auch dem Bewusstsein, neurologische Unterschiede nicht länger als „Störung“ sondern als menschliche Vielfalt anzuerkennen. Doch was steckt dahinter, und warum ist das Thema für Büros und moderne Arbeitswelten so relevant?

Neurodiversität beschreibt die natürliche Unterschiedlichkeit menschlicher Gehirne und Nervensysteme. Dazu zählen zum Beispiel Autismus, Hochsensibilität, ADHS, Legasthenie oder Dyskalkulie. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der Blick auf Defizite, sondern das Verständnis, dass Menschen Reize, Informationen und Situationen unterschiedlich wahrnehmen und verarbeiten. Ziel ist es, neurodivergente Personen nicht an einem vermeintlichen Standard zu messen, sondern ihre Bedürfnisse, Stärken und Arbeitsweisen besser zu verstehen und einzubeziehen.

Insbesonders im Büro wird das Thema spannend. Denn Arbeitsumgebungen sind häufig für einen vermeintlichen Durchschnitt geplant: offene und auch laute Flächen, viele Reize, wechselnde Anforderungen. Für manche Menschen kann das gut funktionieren, für andere kann diese Umgebung zur täglichen Herausforderung werden.

Als Innenarchitektin für Arbeitswelten bin ich der Meinung: wenn Räume langfristig gute Arbeit unterstützen sollen, müssen sie auch unterschiedliche Denk-, Wahrnehmungs- und Konzentrationsweisen berücksichtigen.

Meine Gesprächspartnerin

Für diesen Beitrag habe ich mit der Wiener Psychologin Janina Cudrigh gesprochen. Sie beschäftigt sich intensiv mit Lernen, Leistungsfähigkeit und neurodivergenten Denkweisen. In ihrer jahrelangen Arbeit in der Personalauswahl, Personalentwicklung und beruflichen Eignungsdiagnostik hat sie sich mit der Frage beschäftigt, was Menschen motiviert, wie sie lernen und unter welchen Bedingungen sie Leistung erbringen können.

Nachdem bei zwei ihrer Kinder Legasthenie diagnostiziert wurde, hat sie angefangen, sich mit der Vielfalt von Neurodiversität zu beschäftigen. Vor allem das Nicht-Wissen vieler Lehrpersonen sowie der Kampf um eine gerechtere Anerkennung der Leistung legasthener SchülerInnen, motivierten sie zur Ausbildung als Legasthenie-, Dyskalkulie-Trainerin und Lerncoach.

Janina geht es darum, die individuellen Stärken, Herausforderungen und Bedürfnisse Ihrer KlientInnen besser zu verstehen und ihnen so Unterstützung im Alltag bieten zu können.

Wenn ihr mehr über Janina und ihre Arbeit wissen wollt, schaut gerne vorbei unter https://www.lernhochleistung.at/de

© Janina Cudrigh

Das Interview: 5 Fragen an Janina Cudrigh

Bevor wir in das Interview reinstarten, noch eine kurze Übersicht über die genannten Fachbegriffe und Bezeichnungen:

ADHS
ADHS beschreibt eine neurobiologische Besonderheit, bei der Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsniveau anders reguliert werden. Das kann sich durch schnelle Ablenkbarkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit Struktur zeigen — gleichzeitig aber auch durch Kreativität, hohe Energie und starken Fokus bei großem Interesse.

Autismus
Bei autistisch veranlagten Menschen werden Reize, soziale Signale und Informationen anders wahrgenommen und verarbeitet. Das kann sich zum Beispiel durch ein starkes Bedürfnis nach Struktur, Vorhersehbarkeit und Reizreduktion zeigen, aber auch durch besondere Detailgenauigkeit, Ausdauer und tiefes Fachinteresse.

Legasthenie
Personen mit Legasthenie fällt das Lesen, Schreiben und die sprachliche Verarbeitung häufig schwerer. Gleichzeitig bringen viele Betroffene starke visuelle, kreative oder problemlösende Fähigkeiten mit — besonders dann, wenn Informationen nicht nur schriftlich vermittelt werden.

Dyskalkulie
Dyskalkulie beschreibt eine Besonderheit, bei der der Umgang mit Zahlen, Mengen und Rechenprozessen schwerer fallen kann. Das sagt jedoch nichts über Intelligenz oder Leistungsfähigkeit aus. Viele Betroffene profitieren vor allem von klaren Strukturen, visuellen Hilfen und verständlich aufbereiteten Informationen.

Hochsensibilität
Hochsensibilität bedeutet eine erhöhte Empfindsamkeit gegenüber Reizen wie Geräuschen, Licht, Stimmungen oder sozialen Situationen. Betroffene nehmen oft sehr viel wahr und verarbeiten Eindrücke besonders intensiv. Dies kann sowohl bereichernd als auch schnell überfordernd sein.

Der Begriff Neurodiversität taucht aktuell immer häufiger im Arbeitskontext auf. Was versteht man darunter fachlich überhaupt?

Janina:
Der Begriff hat sich in den letzten Jahren stark etabliert, vor allem auch durch Social Media. Das hat natürlich zwei Seiten. Einerseits fühlen sich viele Menschen dadurch endlich abgeholt und verstanden. Andererseits wird der Begriff teilweise auch sehr schnell verwendet.

Fachlich geht es bei Neurodiversität um Unterschiede im Gehirn. Die grundlegenden Funktionen sind da, aber Informationen werden anders aufgenommen und verarbeitet. Das kann man sich nicht einfach als “besser” oder “schlechter” vorstellen, sondern als anders. Dazu zählen zum Beispiel ADHS, Autismus, Legasthenie oder Dyskalkulie. Bei vielen Betroffenen ist eine Diagnose auch eine Erleichterung, weil sie endlich eine Erklärung für bestimmte Erfahrungen bekommen. Gleichzeitig sollte man vorsichtig sein, Menschen nur über eine Diagnose zu definieren.

Wird Neurodiversität deiner Erfahrung nach überschätzt (Trend) — oder unterschätzt (Realität)?

Janina:
Ich würde sagen: weder noch. Es ist gut, dass Neurodiversität auch durch Social Media sichtbarer geworden ist; schwierig wird es nur, wenn der Begriff für jede Form von Anstrengung oder Überforderung verwendet wird. Gerade deshalb ist eine fachliche (psychologische) Diagnostik wichtig, um genauer hinzuschauen und passende Unterstützung zu ermöglichen.

Für viele Betroffene ist aber die Sichtbarkeit sogar hilfreich, weil mehr Menschen darüber Bescheid wissen.

Auch im Schulsystem hat sich in den letzten Jahren einiges getan, vor allem seit der Zeit nach Corona. Das Bewusstsein ist gestiegen — in Bildung, Forschung, Gesellschaft und auch politisch. Wichtig ist jetzt, dass das Thema nicht wieder versandet. Es braucht weiterhin Aufmerksamkeit, aber auch eine fachliche Auseinandersetzung damit.

Kann man sagen, wie neurodivergente Menschen arbeiten?

Janina:
Nein, pauschal kann man das nicht sagen. Die Ausprägungen der Symptome sind sehr individuell/unterschiedlich
Das Wichtigste ist, mit der jeweiligen Person schon beim Einstellungsprozess zu sprechen: Wo liegen ihre Stärken? Wo liegen ihre Stolpersteine? Welche Unterstützung braucht sie wirklich? Viele Menschen kennen ihre eigenen Herausforderungen sehr gut. Andere wissen vielleicht noch gar nicht genau, in welchen Situationen sie besonders gut funktionieren und wo sie an Grenzen stoßen.

Entscheidend ist auch immer die konkrete Position im Job. Manche Menschen arbeiten hervorragend, wenn es klare Strukturen und wiederkehrende Abläufe gibt. Müssen sie ständig improvisieren, kann das schwierig werden. Umgekehrt gibt es Menschen, die gerade in flexiblen, innovativen Situationen besonders stark sind.

Warum können manche Menschen in einem Großraumbüro scheinbar problemlos arbeiten — während andere dort an Leistungsfähigkeit verlieren?

Janina:
Weil Reize sehr unterschiedlich verarbeitet werden. Was für manche einfach nur normale Bürogeräusche sind, kann für andere eine dauerhafte Belastung sein. Gespräche, Bewegungen, Unterbrechungen, Licht, visuelle Reize — das alles muss vom Gehirn verarbeitet werden.

Bei ADHS kann zum Beispiel Ablenkbarkeit eine Rolle spielen. Gleichzeitig gibt es auch den Hyperfokus, also Phasen extremer Konzentration, wenn ein Thema besonders interessant ist. Auch das ist sehr individuell.

Bei Autismus kann wiederum Vorhersehbarkeit, Reizreduktion oder eine klare Struktur besonders wichtig sein. Aber auch hier gilt: Autismus ist ein sehr weites Spektrum. Man sollte niemals pauschalisieren.

Letzte Frage: Wie können Unternehmen neurodivergente Mitarbeitende am besten unterstützen?

Janina:
Der erste Schritt ist, Andersartigkeit nicht automatisch als Defizit zu sehen. Unternehmen sollten sich fragen: Welche anderen Denkweisen, Wahrnehmungen und Zugänge bringt diese Person mit?

Dann geht es um menschliche und räumliche Unterstützung.
Bei ADHS kann Bewegung helfen. Manche Menschen brauchen bewegliche Sitzmöglichkeiten, kurze Pausen oder die Möglichkeit, zwischendurch aufzustehen und sich zu bewegen. Nicht, weil sie unmotiviert sind, sondern weil Bewegung helfen kann, innerlich ruhiger und fokussierter zu werden.
Für andere ist Ruhe besonders wichtig. Zum Beispiel bei Legasthenie oder bei Menschen, die sehr reizsensibel sind.

Im Idealfall gibt es nicht nur einen Arbeitsplatztyp, sondern unterschiedliche Orte für unterschiedliche Bedürfnisse: ruhige Zonen, Orte für Austausch, Rückzugsmöglichkeiten, Bewegungsspielräume und klare Strukturen.

Foto von Olga Nayda auf Unsplash

Was bedeutet der Output aus diesem Interview nun für die Gestaltung von Büros?

Für mich als Innenarchitektin – und auch als hochsensible Person – ist Neurodiversität kein Sonderthema, das man irgendwo zusätzlich berücksichtigt, wenn noch etwas Zeit und Budget übrig sind. Es ist für mich ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Arbeitswelt und auch ein Bekenntnis eines Unternehmens seinen Mitarbeitenden gegenüber.

Ein gutes Büro sollte am Ende des Tages nicht nur schön aussehen oder vielleicht möglichst viele Arbeitsplätze unterbringen. In meinen Augen sollte es Menschen dabei unterstützen, konzentriert, gesund und motiviert zu arbeiten, unabhängig davon, ob sie neurotypisch oder neurodivergent sind.

Deshalb lohnt es sich, Räume nicht nur nach Quadratmetern und Schreibtischanzahl zu bewerten, sondern nach ihrer tatsächlichen Wirkung auf den Menschen. Dazu gehören Fragen wie:

Welche akustischen Rückzugsmöglichkeiten sind vorhanden?

Gibt es Bereiche für Fokus, Austausch, Bewegung und Regeneration?

Können Mitarbeitende ihren Arbeitsplatz je nach Aufgabe, Energielevel und Tagesform wählen?

Ist die Umgebung gut strukturiert und intuitiv verständlich?

Nicht jede Person braucht dasselbe Umfeld und nicht jede Aufgabe verlangt denselben Ort.
Ein gutes Büro zwingt Menschen nicht in ein System, es schafft Rahmenbedingungen, in denen unterschiedliche Stärken sichtbar werden können.

Sophie Kenzian